Ulf Kämpfer

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Ende des amerikanischen Jahrhunderts

Das waren gestern furchtbare, verstörende Bilder aus dem Washingtoner Kapitol.

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So sehr ich mir wünsche, dass mit dem Abgang Donald Trumps in wenigen Tagen ein neues, besseres Kapitel in der amerikanischen Demokratie beginnen möge, so groß sind meine Zweifel, ob wir nicht einfach nur einen weiteren Meilenstein der schleichenden Zersetzung der politischen Kultur in den USA (oder, schlimmer, der westlichen Demokratien) erleben.

Die Entwicklung der USA in den vergangenen Jahren erinnert mich an eine Einschätzung des Historikers und Zeitzeugen des 20. Jahrhunderts Eric Hobsbawn (1917-2012), die sich mir eingeprägt hat. In seiner Autobiographie schreibt er 2002:

„Über achtzig Jahre lang im 20. Jahrhundert zu leben war eine natürliche Lektion in der Veränderlichkeit von politischer Macht. Ich habe das völlige Verschwinden der europäischen Kolonialreiche gesehen, nicht zuletzt des größten von allen, des britischen Empires. Ich habe gesehen, wie große Weltreiche in die unteren Ränge verwiesen wurden, und auch das Ende des Deutschen Reiches, das tausend Jahre, und einer revolutionären Macht, die ewig wären sollte. Ich werde das Ende des ‚amerikanischen Jahrhunderts‘ wohl nicht mehr erleben, aber man kann ganz sicher sein, dass einige der Leser dieses Buches es erleben werden.“

Eric Hobsbawn (1917-2012)

Vor zwanzig Jahren, während eines Forschungsaufenthalts an der Columbia University in New York, nahm ich an einer Diskussionsveranstaltung mit Joe Biden teil. Keine Erlösergestalt, aber ein integrer, abwägender, an Rationalität orientierter Mensch und Politiker. Damals hielt ich das für selbstverständlich, als eine Art zivilisatorisches Minimum für Verantwortungsträger*innen.

Heute weiß ich, dass dieses Ethos der Demokratie keineswegs selbstverständlich ist, immer wieder erneuert und erkämpft werden muss. Auch bei uns.

Selten zu meinen Lebzeiten erschien mir dieser Kampf dringlicher als genau jetzt.

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